Interview

Interview mit Prof. Dr. rer. pol. Holger Müller, Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK), FH

Was versteht man unter Einkauf 4.0?

Einkauf 4.0 bedeutet zunächst, die Ziele von Industrie 4.0 auf den Einkauf zu übertragen: Das sind natürlich effiziente Prozesse mit geringerem Ressourcenbedarf und die maßgeschneiderte, kundenindividuelle Entwicklung, Fertigung und Wartung von Produkten (Losgröße „1“), aber auch neue Formen der Arbeitsorganisation und -gestaltung oder innovative Geschäftsmodelle und Dienstleistungen. Im Kern müssen damit Einkauf und Fertigung näher zusammenrücken – man spricht von der vertikalen Integration im Unternehmen. Waren bisher ERP-Systeme und die Ansteuerung der Maschinen über verschiedene Zwischensysteme nicht durchgängig gekoppelt, sind die Einkaufs- und Fertigungsprozesse im „Industrial Internet of Things“ direkt verbunden. Die Integration hat aber für den Einkauf auch eine horizontale Dimension zu den Lieferanten bzw. sogar in die komplette vorgelagerte Lieferkette. Auf der Ebene der operativen Prozesse von der Bestellung bis zur Bezahlung – also die direkte Verbindung zu den Lieferanten – ist die Digitalisierung ein evolutionärer Prozess, über deren Vorteile eigentlich seit 20 Jahren Klarheit herrscht, aber dennoch in vielen Unternehmen noch nicht sehr fortgeschritten ist. Darüber liegt dann die Ebene der Integration der gesamten Lieferkette – hier lässt sich in der Tat von Revolution oder digitaler Transformation sprechen. So können beispielsweise durch 3D-Drucker komplette physische Lieferketten obsolet werden. Es werden nur noch Datenlieferanten benötigt. Oder der Einkauf kann als eigenständiges Geschäftsmodell valide Daten an Partner der Kette als Service anbieten.

Welche Rolle übernimmt der Einkauf bei der Umsetzung von Industrie 4.0?

Hier gibt es drei wesentliche Facetten zu beachten. Zum Ersten muss der Einkauf die entsprechende Kompetenz besitzen, diese „smarten“ Technologien, Maschinen und Objekte beschaffen zu können. Es entsteht dadurch eine neue Warengruppe, auf die sich der Einkauf spezialisieren muss. Hier den Überblick zu behalten, dürfte insbesondere für den Mittelstand eine große Herausforderung darstellen. Insofern ist es wichtig, mit den richtigen Lieferanten zusammenarbeiten, die als „Scouts“ Innovationen aus den jeweiligen Märkten ins Unternehmen tragen. Zum Zweiten muss der Einkauf dafür sorgen, dass keine isolierten Industrie 4.0-Inseln entstehen, sondern die Fertigungslandschaften unternehmensübergreifend elektronisch verknüpft werden. Nur dann lassen sich die Potenziale aus Industrie 4.0 über die gesamte Supply Chain heben. Und zum Dritten muss er Transparenz in die Lieferkette bringen. Wenn über kundenindividuelle Fertigung in Echtzeit gesprochen wird, wird die Reaktionszeit bei Versorgungsproblemen immer kleiner. Störungen in der Lieferkette müssen daher so früh wie möglich erkannt werden. Das setzt zum einen zunächst das Wissen über die Vorlieferanten der Vorlieferanten voraus und zum anderen einen Austausch valider Daten innerhalb einer Supply Chain angereichert durch Informationen über externe Einflüsse wie Streiks, Naturkatastrophen und Ähnliches. Somit muss der Einkauf auch das Feld „Big Data and Analytics“ für sich erschließen.

Warum spielt der Einkauf so eine wichtige Rolle und was müssen Unternehmen der Fertigungsindustrie beim Einstieg in den Einkauf 4.0 tun?

Der Einkauf ist die Schnittstelle des Unternehmens zum Beschaffungsmarkt. Dadurch ist er mit seinem Wissen über marktbedingte, aber auch technologische Entwicklungen ein wesentlicher Faktor für das Unternehmen, der nicht vernachlässigt werden darf. Demzufolge muss eine enge Zusammenarbeit mit der Forschung und Entwicklung gewährleistet sein. Letztere konzentriert sich naturbedingt stark auf die technologischen Aspekte, aber kann die Gegebenheiten des Beschaffungsmarkts nicht im Blick haben, wie beispielsweise riskante Abhängigkeiten von bestimmten Lieferanten oder Rohstoffquellen. Und es ist altbekannt, dass ein Großteil der Kosten im Entwicklungsprozess bereits durch die Spezifikationen manifestiert wird. Zudem ist der eigene Wertschöpfungsanteil der Unternehmen immer weiter über die letzten Jahre zurückgegangen. Im Durchschnitt werden beispielsweise im Maschinenbau deutlich über 50 Prozent der Kosten durch Fremdbezug verursacht und der „Manager“ dieser Kosten ist nun mal der Einkauf. Diese grundsätzlichen Sachverhalte werden sich auch im Zeitalter von Einkauf 4.0 nicht ändern. Einkauf 4.0 lässt sich dabei nicht von heute auf morgen einführen. Die ersten Schritte sollten über die operativen Bestellprozesse laufen. Ob hier der Produktionsbedarf oder aber der Nicht-Produktionsbedarf – in der Regel Katalogware – im Fokus steht, ist unternehmensindividuell zu eruieren. Parallel kann auch über eine Unterstützung strategischer Einkaufsfunktionen wie Lieferantenmanagement oder Ausschreibungstools nachgedacht werden. Das sind alles keine brandneuen Ideen, aber nach wie vor eine notwendige Zwischenstufe in der Digitalisierung der Prozesse. Selbst der eigentliche einfache Schritt, eine Auftragsbestätigung vom Lieferanten elektronisch zu erhalten und direkt weiterzuverarbeiten, ist beispielsweise bei der deutlichen Mehrzahl der Unternehmen noch nicht realisiert bzw. realisierbar – wie soll dann gleich der Sprung zu einem „intelligenten“ digitalen System möglich sein. Das Ziel sollte sicher eine durchgängige Lösung sein, aber zunächst steht die „fachliche“ Integration im Vordergrund, das heißt wie soll der Einkauf im Kern funktionieren. Wer hier ein klares Bild hat, kann dann durchaus mit Teillösungen starten und lernen – es wird nicht die allumfassende Einkauf 4.0-IT-Lösung geben. Schon heute findet sich eine Reihe von Anbietern webbasierter Tools, die mit überschaubarem finanziellem Aufwand genutzt werden können. Auf der Basis der Erfahrungskurve kann sich dann Stück für Stück der Einkauf 4.0 zusammensetzen.

 

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